Als Favorit hinzufügen   Link verschicken   Druckansicht öffnen
 

Gemeinsam erinnern in Brandenburg

Tröbitz, den 26. 03. 2015

Ausstellungen und Projekte - Gedenken zum 70. Jahrestag der Befreiung

 

Kulturministerin Sabine Kunst hat gestern in Potsdam gemeinsam mit dem Direktor der Stif­tung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte und Museum Sachsen­hausen, Günter Morsch, der Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Insa Esche­bach, und dem Amtsdirektor des Amtes Elsterland, Andreas Dommaschk, Gedenk- und Erinne­rungsveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager vorgestellt.

 

Die Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen und die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück informierten über eine Reihe von Gedenkveranstaltungen, Ausstellungseröffnungen, Führungen, Tagungen und Lesungen in den verschiedenen Gedenkstätten und Museen, die im Zeitraum vom 17. bis 20. April 2015 stattfinden werden. Das Amt Elsterland stellte die neue Freiluftausstellung zum „Verlorenen Zug“ in Tröbitz vor, die am 23. April 2015 bei den Gedenkfeierlichkeiten und im Beisein zahlreicher Überlebender und Angehöriger eröffnet wird.

 

Im Rahmen des Zusammentreffens würdigte Kulturministerin Sabine Kunst die Arbeit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten für die Aufklärung und Erinnerung im Land. „Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinem menschenverachtenden Regime ist gerade in diesem Jahr, in dem sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung der Konzentrationslager zum 70. Mal jähren, von besonderer Bedeutung.“ Sie hob dabei die Wichtigkeit der Gedenkstätten für die zeitgeschichtliche Erinnerungskultur im Land Brandenburg hervor und betonte: „Die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte in Brandenburg erfolgt nicht nur im Kontext der wichtigen historisch-wissenschaftlichen Arbeit, sondern wirkt ganz bewusst auch in die Breite der Gesellschaft hinein. Gerade junge Menschen sollen für die Mechanismen eines Unrechtssystems sensibilisiert werden – und damit auch für die Notwendigkeit, rassistischen und antisemitischen Stimmungen bereits früh entschlossen entgegenzutreten und sich engagiert für Demokratie, Pluralismus und Freiheit einzusetzen.“

 

Die brandenburgischen Mahn- und Gedenkstätten in Sachsenhausen und Ravensbrück sind weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt als trauriges Symbol eines grausamen Regimes, das unsägliches Leid über Menschen gebracht hat, das Menschen verfolgte, inhaftierte, folterte und ermordete. Die umfangreichen Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager stehen in diesem Jahr einmal mehr im Lichte des Zusammentreffens von junger und alter Generation.

Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen äußerte seine Freude darüber, „ dass auch 70 Jahre nach der Befreiung viele Überlebende von Sachsenhausen und Ravensbrück unserer Einladung trotz ihres hohen Alters folgen wollen.“ Man hoffe, dass viele die doch beschwerliche Reise auch antreten können und man lade alle Menschen, ob jung oder alt sein, um die vielleicht letzte Möglichkeit zu nutzen, mit Augenzeugen des unmenschlichen NS-Regimes ins Gespräch zu kommen.

 

Die Gemeinde Tröbitz im Amtsbereich des Amtes Elsterland im Landkreis Elbe-Elster ist internatio­nal weniger bekannt, aber deshalb nicht weniger wichtig. Sie war kein Schauplatz von In­haftierung, Folter und Mord des NS-Regimes, sondern ging vor allem als Ort der Befreiung in die Geschichte ein. Sie zeigte den Bewohnern des seinerzeit 700 Seelen-Dorfes zum Kriegsende noch einmal das schreckliche Gesicht einer Zeit geprägt von Verfolgung, Qual und Tod. Der 70. Jahrestag der Befreiung des „Verlorenen Zuges“ ist aber auch und vor allem ein Symbol der Hoffnung auf Frieden, der Heimkehr und der Menschichkeit.

Als „Verlorener Zug“ wird der letzte von drei Zügen bezeichnet, mit denen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs Häftlinge vom Konzentrationslager Bergen-Belsen vor anrückenden britischen Truppen abtransportiert wurden, mit dem Ziel der Vernichtung. Er wurde nach zweiwöchiger Irrfahrt am 23. April 1945 in der Nähe von Tröbitz von Truppen der Roten Armee befreit. Mehr als 500 der rund 2.400 jüdischen Häftlinge überlebten den Transport nicht. Viele starben teilweise unterwegs an der Infektionskrankheit Flecktyphus, aber auch an Hunger und Erschöpfung. Auch Tröbitzer erlagen dem Flecktyphus. Das Dorf stand unter Quarantäne, die Bewohner versorgten die Kranken und gaben Haus und Hof ab, um die hunderten von Menschen beherbergen zu können. Heute befindet sich in Tröbitz ein jüdischer Friedhof und mehrere Erinnerungsorte, die bis regelmäßig von Überlebenden sowie Angehörigen besucht werden. In umliegenden Orten wie Schipkau, Langennaundorf und Wildgrube wurden Gedenkstätten eingerichtet. Am 23. April 2015 wird die Freiluftausstellung zum „Verlorenen Zug“ in Tröbitz eröffnet.

Bei der Vorstellung der Gedenkfeierlichkeiten und Projekte in Potsdam betont Andreas Dom­maschk, Amtsdirektor des Amtes Elsterland, dass das Aufeinandertreffen der jüdischen Überle­benden und der Dorfbevölkerung bis heute tief in der Geschichte des kleinen Dorfes verankert ist. „Die Bewohner des Ortes sahen und sehen es als ihre humanitäre Aufgabe an, die Erinnerung an die Geschehnisse wach zu halten. So werden seit 1945 der jüdische Friedhof und die Grabstellen gepflegt, Gedenkfeiern organisiert und die Ereignisse dokumentiert. In die Auseinandersetzung sind auch die nachfolgenden Generationen mit eingebunden. Diese Praxis der Erinnerung prägt bis heute das Verhältnis zwischen den Bewohnern von Tröbitz und den Überlebenden sowie ihren Nachfahren. Alle sehen es als ihre gemeinsame Aufgabe an, auch in Zukunft Verantwortung wahr­zunehmen, die Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen zu verstärken und die Erinnerung wach zu halten. Allen Beteiligten ist bewusst, dass die Lehren aus diesem Kapitel der deutschen Ge­schichte immer wieder neu erarbeitet und vermittelt werden müssen. Aus der Praxis der Erinnerung erwächst humanitäres Verhalten.“

 

70 Jahre nach Endes des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager finden in Brandenburg finden rund 30 Veranstaltungen an verschiedenen Orten statt. Landesweit gibt es ins­gesamt mehr als 70 Gedenkstätten, Erinnerungsorte und Museen, die sich mit zeitgeschichtlichen Ereignissen beschäftigen. Ob großen Gedenkstätten wie Sachsenhausen oder Ravensbrück, Orte der Erinnerung an jüdisches Leben in Brandenburg (wie die Mikwe in Schwedt und der jüdische Fried­hof in Zehdenick) oder Schauplätze von Kampfhandlungen (wie die Seelower Höhen) – die Kriegs­ereignisse sind tief in der Geschichte der Orte verankert und damit Teil unseres gesellschaftlichen Lebens.

 

Kulturministerin Sabine Kunst betonte, „Die Gedenkstätten im Land Brandenburg sind wichtige Bestandteile der zeitgeschichtlichen Erinnerungskultur des Landes und der historisch-politischen Aufarbeitung und Bildung für nachfolgende Generationen ...“

 

Umso wichtiger ist es, dass die finanzielle Last der Erhaltung der Erinnerungsstätten, der Aufberei­tung vorhandener Daten sowie der Konservierung von Dokumenten und des Wissens von Zeitzeu­gen nicht allein den verantwortlichen Gemeinden überlassen wird. Die Landesregierung unterstützt die Arbeit der brandenburgischen Gedenkstätten in diesem Jahr mit insgesamt mehr als 3,6 Millio­nen Euro.

 

 

kfo

 

Bild zur Meldung: Gemeinsam erinnern in Brandenburg